Im Andenken verstorbener Mitglieder

Sinnliches Erlebnis - Zum Hinschied von Antoinette Riklin-Schelbert

Die zierliche, lebhafte junge Frau wusste, was sie wollte, als sie sich 1939 bei der Kunstgewerbeschule Zürich einschrieb. Als ihr als Frau die Ausbildung in Innenausbau verwehrt blieb, entschied sie sich für die Metallklasse und zur Ausbildung als Gold- und Silberschmiedin.
1946, gerade 26 Jahre alt, eröffnete sie ein eigenes Ladenatelier in der Zürcher Altstadt. Dort entstand formschöner, zeitgemäss gestalteter Schmuck für fortschrittliche Kundschaft. Der Betrieb florierte, 1959 sah sie sich aber, inzwischen verheiratet und Mutter vpn drei Kindern, der Familie zuliebe gezwungen, das  Geschäft aufzugeben.
In den siebziger Jahren erfolgte der Widereinstieg. Inzwischen hatte sich der Schmuckbegriff geändert. Mit der Absage an die auf Repräsentation beschränkte Funktion von Schmuck fanden unedle Materialien ihren Eingang. Schmuck konnte zum künstlerischen Objekt werden. Das entsprach Antoinette Riklin. Sie machte Schmuckobjekteaus raffiniert und gekonnt zusammengestellten edlen und unedlen Materialien mit sinnigen Titeln. Sie arbeitete auch mit feinen und feinsten Stahldrähten, die sie mit blossen Händen verformen oder auch zu textilartigen "Geweben" verdichten konnte. Verfremdung und das Spiel mit den Gegensätzen sind ein Wesenszug und ein Qualitätszeichen ihres späteren Werks. Ihre sinnliche Annäherung an die Materialien wie ihr resolutes, spontanes Wesen kommen darin zum Ausdruck.
Antoinette Riklin war eine begeisterte Ausbildnerin, pflegte Kontakte und war international vernetzt. Den Crafts Council Schweiz, eine Sektion des World Crafts Council, präsidierte sie von 1986 bis 1992 und betreute als Redaktorin dessen Bulletin. Ihr 1999 erschienenes Buch "Schmuckzeichen Schweiz 20. Jahrhundert" ist die erste Gesamtdarstellung dieses Themas. Mit diesem Grundlagenwerkwird die am 12. April 95-jährig verstorbene Schmuck und Objektkünstlerin ebenso in Erinnerung bleiben wie mit ihrem bedeutenden Werk. Das Schweizerische Nationalmuseum hat sie 2012 mit einer Auswahl ihrer Werke, ihrer Atelierausstattung und ihrer persönlichen Sammlung bedacht und somit den bereits vorhandenen nationalen Sammlungsbestand an Schmuck des 20. und 21. Jahrhunderts um einen signifikanten Teil erweitert.

Hanspeter Lanz, 23. April 2015, mit der freundlichen Genehmigung der Neuen Zürcher Zeitung, NZZ

www.a-riklin-schelbert.ch

 

Dix-Schülerin Erika Streit im Alter von 101 Jahren verstorben

Erika Streit, die letzte lebende Schülerin des in Gera gebürtigen Otto Dix, ist nach Angaben der Erika-Streit-Stiftung am 02. Juni 2011 im Alter von 101 Jahren in Kilchberg gestorben. Am 01. März 1910 in Schwaz/Böhmen geborene, wurde sie 1931 in die Malklasse von Otto Dix (1891-1969) an der Kunstakademie Dresden aufgenommen. Nach der Entlassung von Dix aus dem Lehramt durch die Nationalsozialisten war sie noch eine Zeitlang dessen Privatschülerin in Dresden. 1930 wurde Erika Streit mehrfach durch den Fotografen Hugo Erfurth und 1934 auch durch den Maler und Grafiker Hans Theo Richter porträtiert. 1934 verließ sie Deutschland und setzte ihre Kunststudien an Pariser Akademien fort, unter anderem bei Othon Friesz, Marcel Gromaire, Charles Despiau und Aristide Maillol. 1943 übersiedelte die Künstlerin in die Schweiz und lebte in Kilchberg am Zürichsee. 

Als letzte lebende Dix-Schülerin besuchte die Künstlerin mehrfach Gera und übereignete der Kunstsammlung neben einer Reihe von Zeichnungen und Gemälden auch ihr 1933 entstandenes "Selbstbildnis mit Kugelvase". Arbeiten von Erika Streit waren in Gera in mehreren Sonderausstellungen zu sehen. Dazu gehörte eine Personalausstellung mit Gemälden und Zeichnungen aus ihrer Dix-Schülerzeit im Otto-Dix-Haus. Außerdem bereicherten ihre Arbeiten die Expositionen "Dix-Schüler. Nähe und Distanz" (1995) sowie "Sehen, was da ist" (2003). Im Geraer Stadtmuseum war zudem 2007 die Retrospektive "Erika Streit. Ein Malerleben zwischen Dresden, Prag, Paris und Zürich" zu sehen, die in Kooperation mit der Erika-Streit-Stiftung Zürich realisiert wurde.

Pressemitteilung der Stadt Gera (D) vom 8. Juni 2011 mit deren freundlichen Genehmigung. 

Publikationen
"Leben, Kunst und Lebenskunst" Bildmeditationen
erschienen im DreiPunktVerlag, 1999, ISBN 3-905409-00-3

"Erika Streit - das frühe Werk. Zum hundertsten Geburtstag der Künstlerin"
Herausgeber Gisbert Porstmann und Johannes Schmidt für die gleichnamige Ausstellung in der Neuen Galerie Dresden 2010, ISBN 978-3-941843-04-2
 

Nachruf Faustina Iselin, 1915 - 2010

Traurig nehmen wir Abschied von unserer Künstlerkollegin Faustina Iselin. Die bekannte Basler Malerin ist vor einigen Tagen im Alter von 95 Jahren gestorben. Bis auf wenige Monate, die sie nach einem Schlaganfall im Pflegeheim verbringen musste, wohnte sie in ihrer Atelierwohnung an der Birmannsgasse in Basel.
Faustina Iselins Künstlerlaufbahn nahm ihren Anfang mit knapp 16 Jahren an der Kunstgewerbeschule Basel (heute Schule für Gestaltung) mit dem Berufsziel Grafikerin. An der Akademie in Berlin erweiterte sie ihr Können, u.a. bei den Professoren Hadank und Ernst Böhn. Durch den wachsenden Druck der nationalsozialistischen Herrschaft kehrte sie nach Basel zurück. Hier fand sie in der Buchdruckerei Frobenius als Hospitantin beim Grafiker Edi Hauri, ebenfalls ehemaliger Hadank-Schüler, eine geeignete Herausforderung. Doch sehr bald übersiedelte sie nach Paris zur Weiterbildung für Theaterdekoration bei Paul Colin. Dort erhielt sie den 2. Preis im internationalen Plakatwettbewerb für die internationale "Foire de Paris".
Nach ihrer erneuten Rückkehr nach Basel arbeitete sie mit Max Sulzbacher zusammen und trat erneut in die Kunstgewerbeschule bei A. Fiechter und W. Bodmer ein.
In dieser Zeit begann auch Ihre Laufbahn beim Basler Marionetten Theater unter der Beeinflussung des Meisters der Maskenbildnerei, Max Breitschmied und sehr schnell wurde sie unter Richard Koelner zur Seele des Basler Marionetten - Theaters. Von 1946 - 1996 wirkte sie als reguläres Mitglied der Spielergruppe in der sie die Marionetten gestaltete und führte. Sie kreierte u.a. die Figuren zu "Triptychon", "Mondlaterne". 
1945 / 46 / 48 gewann sie den PTT-Wettbewerb für die Gestaltung von Briefmarken "Schweizer Bauernhäuser" und 1962 gewann sie den Wettbewerb für eine Pro Juventute-Jubiläumsmarke.
Faustina Iselin war eine vielseitige Künstlerin: Grafikerin, Malerin, Aquarellistin, Zeichnerin und in Basel als Larvenmalerin eine angesehene Persönlichkeit. Nach dem Tod ihres Vaters wurde das Larvenmalen zu ihrem Broterwerb.
1977 erhielt sie den Ausführungsauftrag des Basler Kunstkredites für ein Treppenhaus eines Neubaus der Psychiatrischen Universitäts-Klinik Basel.
l986 den Kulturpreis der Gemeinde Riehen, verbunden mit einer Werk-Präsentation im Berowergut. 
Viele ihrer Bildermotive spielen vor einem Fenster und ein immer wiederkehrendes Motiv, die Aussicht vom Familien Ferienhaus oberhalb Brisago. Basel, Blumenmotive und die vielen Reiseeindrücke die auf ihren Bildern festgehalten sind, bereichern so manche Wohnstube. 
Als ich sie zum letzten Mal im Februar 2009 in ihrer Atelierwohnung mit Sicht über die Altstadtdächer an der Birmannsgasse, im Zusammenhang mit einer Gruppenausstellung der SGBK besuchte, um ein geeignetes Bild hierfür bei ihr auszuwählen, drückte sie mir ihr allerletztes großformatiges Bild in die Hand, mit der Bemerkung "Jetzt male ich nur noch für mich kleine Skizzen", dabei zeigte sie auf einen kleinen gezeichneten Tannenbaum. "Diese neuen Werke sind nicht für die Öffentlichkeit, ich möchte damit mein künstlerisches Schaffen nicht mit Alterstorheiten schmälern", fügte sie hinzu.
Für ihre Anwesenheit zur Ausstellungseröffnung fehlte ihr damals bereits die Kraft, doch wird mir das lange schöne Gespräch bei der Bilderrückgabe in Erinnerung bleiben.
Sie war mit Überzeugung während Jahrzehnten Mitglied der Schweizerischen Gesellschaft Bildender Künstlerinnen SGBK und Mitglied der Basler Künstlergesellschaft.
Faustina Iselin war eine beeindruckende Künstlerpersönlichkeit. Ihr Tod ist ein grosser Verlust für die Basler Kunstszene und unsere Gesellschaft. Mit ihrem umfangreichen Werk in der Öffentlichkeit, in Museen und bei Basler Familien wird sie stets in guter Erinnerung bleiben.

Im Namen der Schweizerischen Gesellschaft Bildender Künstlerinnen

Elfi Thoma, Präsidentin Sektion Basel, 17.9.2010

Publikation:"Die Malerin Faustine Iselin", Text Dorothea Christ, GS-Verlag Basel, 1997, ISBN 3-7185-0151-1

 

 

Gertrud Labhardt-Steib, Malerin, 1916 -2010

Letzte Woche wurde in aller Stille Gertrud Labhardt-Steib im Alter von 94 Jahren auf dem Wolfgottesacker zu Grabe getragen. Mit ihr ist eine bekannte Basler Malerin gestorben, die als erste Frau damals an der Leipziger Akademie der Künste studieren durfte.  Viele Basler Familien haben sich von ihr porträtieren lassen und bekannt war sie vor allem für ihre schönen Landschaftsbilder. Sie war viel auf Reisen und hat in Frankreich, Italien, Spenien, Jugoslawien, Holland, Deutschland, Afrika und Zentral-Amerika gemalt und an Ausstellungen im Kunstmuseum Luzern, am Musée d'Art et d'Histoire Genf, am Museum Allerheiligen Schaffhausen und an Weihnachtsausstellungen in der Kunsthalle Basel mitgewirkt. In den letzten Jahren ist es ruhig um sie geworden. Die Galerie am Fischmärt hat ihr zum 90. Geburtstag eine spezielle Ausstellung als Retrospektive gewidmet.
Gertrud Labhardt-Steib war langjähriges Mitglied der Sektion Basel, Schweizerische Gesellschaft Bildender Künstlerinnen SGBK (früher GSMBK) und hat bis in hohe Alter aktiv an Ausstellungen und Sitzungen teilgenommen.

Myrtha Eberhardt

Nachruf erschienen in der Basler Zeitung am 22.Juli 2010

 

Ruth Zürcher, 1.3.1913 - 4.5.2010

Die SGBK erinnert sich dankbar an Ruth Zürcher, die seit 1956 Mitglied war und auch jahrelang in der Sektion Zürich im Vorstand mitarbeitete.
Mit der freundlichen Genehmigung des Autors, publizieren wir den unten stehenden Artikel zur Ausstellung in der Kirchgmemeinde Zürich-Witikon: Leitfäden: textile und andere Werke von Ruth Zürcher, 3. Mai - 5. Juni 2009

Die "Kommission für Kunst und Kirche" stellt zwischen dem 3. Mai und 5. Juni 2009 textile und andere Werke von Frau Ruth Zürcher aus. Frau Ruth Zürcher, geboren 1913 in Düsseldorf, begann in den Vierzigerjahren Bildteppiche zu weben. Zuerst entstanden grossformatige figürliche Darstellungen, die mit den Jahren zunehmend luftiger, kompositorisch freier und dreidimensional wurden. Die Kettfäden sind nicht zugewebt und gewähren Transparenz; die Schussfäden sind von unterschiedlicher Dicke und bilden unterschiedlich dichte Webpartien. So entwickelte Ruth Zürcher ihren persönlichen Stil und wurde eine der bekannten Textilkünstlerinnen der Schweiz.

Kunst und Religion berühren sich im Imaginären, im Phantastischen und im Erträumten. Aus der Begegnung von Kunst und Kirche, vom Gespräch zwischen Kunstwerk und dem besonderen Raum der Kirche verspricht sich die 'Kommission Kunst und Kirche' der reformierten Kirchgemeinde neue Impulse, Anregungen und Zugänge zu Kunst und Religion gleichermassen. Sie freut sich, dass es ihr gelungen ist, im Mai Werke der namhaften Textilkünstlerin Ruth Zürcher ausstellen zu können.

Ruth Zürcher wurde 1913 in Düsseldorf geboren. Sie erlernte zunächst den Beruf der Kostümbildnerin. 1935 heiratete sie den Plastiker Arnold Zürcher und kam in die Schweiz. Neben ihrer Tätigkeit als Kostümbildnerin im Schauspielhaus und für damalige Schweizer Filmgrössen besuchte sie die Kunstgewerbeschule Zürich und die Kunstakademie Florenz.

Ruth Zürcher begann in den Vierzigerjahren Bildteppiche zu weben. Zuerst entstanden grossformatige figürliche Darstellungen, die mit den Jahren zunehmend luftiger, kompositorisch freier und dreidimensional wurden. Die Kettfäden sind nicht zugewebt und gewähren Transparenz; die Schussfäden sind von unterschiedlicher Dicke und bilden unterschiedlich dichte Webpartien. So entwickelte Ruth Zürcher ihren persönlichen Stil und wurde eine der bekannten Textilkünstlerinnen der Schweiz. Sie kombiniert klassische Materialien wie Wolle oder Seide mit Jute, Sisal, Kokos oder Tierhaaren. In ihren Werken dominieren kräftige Farben, neben Schwarz besonders oft verschiedene Grau- Rot- und Orangetöne, die alle vom vielfältigen Leben erzählen.

Ruth Zürcher holt ihre Ideen aus der Vielfalt der Natur. Dabei schöpft sie aus einem Gefühl grosser Verbundenheit mit allem Lebenden und mit allen Dingen und findet das Göttliche in jeder Pflanze, in jedem Menschen und auch in jedem Stein. Geheimnisvolle Einheit und Zusammengehörigkeit statt Trennung also - Gold, Silber und Weisstöne erzählen von dieser Erweiterung, dieser anderen Dimension.

In der persönlichen Begegnung beeindruckt Ruth Zürcher trotz ihres hohen Alters durch ihre Energie und Wachheit. Im Lichte von Kreativität und der Fähigkeit zu produktiver Verarbeitung erscheint 'Alter' als etwas sehr Relatives. Anlässlich der Vernissage am 3. Mai um 11.15 Uhr können Sie sich selbst davon überzeugen.

Nachdem 1993 in Witikon schon einmal Werke von Ruth Zürcher in der Paulus Akademie zu sehen waren, laden uns die Farben, Fäden, Knoten, Saiten, Netze, Ringe und Spiralen ihrer textilen Werke, ihrer Miniaturglasbilder und ihrer leuchtend farbigen Collagen zu erneuter Inspiration ein und regen gleichsam zum inneren Weiterspinnen an.

Peter Nuss 

 

 

Grande Dame der Zürcher Kultur

Zum Tod der Malerin, Zeichnerin und Illustratorin Hanny Fries (1918-2009)

Am 7. Dezember ist die Malerin und Zeichnerin Hanny Fries im Alter von 91 Jahren gestorben. Die Tochter des Malers Willy Fries und der Schriftstellerin Catharina Fries-Righini prägte mit ihrer Persönlichkeit das kulturelle Leben Zürichs.

Guido Magnaguagno

Sie war eine Legende zu Lebzeiten. Wir werden Benno Blumensteins «Hanneli» schrecklich vermissen, er zuerst. Die begnadete Causeurin, die Zeichnerin filigraner Linien, die Malerin der Wartsäle und Sitzbänke, die Freundin der Literatur. Eine Grande Dame der Kultur, mit Flair fürs Französische. Ihr Esprit war kaum zu kontern, ihre Schlagfertigkeit phänomenal, mit Witz, Ironie und Understatement gewürzt. Alles schien ihr leichtzufallen, sie gab sich «légère», bewältigte alle Lebenslagen mit Leichtigkeit, ja Vergnügen. Auch das Alter. Sie hatte Stil und keine Feinde. Hanny Fries wurde verehrt und geliebt, und ein bisschen schätzte sie das auch.

Vieles wurde ihr schon in die Wiege gelegt. 1918 in Zürich in eine Künstlerfamilie geboren, pendelte sie früh zwischen der Malerei ihres Vaters Willy Fries und der anglophilen Mutter, von der sie die Zuneigung zur Literatur erbte. Über allen thronte indessen der Grossvater Sigismund Righini, der nicht nur dank seinem Künstlerbart die Hodler-Nachfolge dominierte und während Jahrzehnten die schweizerische Kunstpolitik beherrschte. «Hanneli» musste also früh ausreissen und lernte an der Genfer Ecole des Beaux-Arts ihr Metier und blieb ein Leben lang der Figuration und Beobachtung der sichtbaren Wirklichkeit verpflichtet. Hier, in Genf und den Randgebieten, lernte sie ihren ersten Ehemann, den Schriftsteller Ludwig Hohl, kennen, dessen Nachlass sie mit Verve betreute.

Zurück in Zürich, stieg sie schnell in den Kunsthimmel auf, auch eine kurze, gescheiterte Ehe mit dem Bildhauer Hans Aeschbacher bremste sie keineswegs. Wie ihr Grossvater spielte sie in der Künstlervereinigung GSMBK, also bei den Männern, eine hervorragende Rolle. Der «Frauenverein» bestand für sie vorzugsweise im Restaurant Olivenbaum beim Bahnhof Stadelhofen, wo sie ihrem hauptsächlichsten Talent frönte: der Beobachtung. Wie ein Romancier des (französischen) 19. Jahrhunderts registrierte sie mit Wohlgefallen die Varietät, den Artenreichtum unserer Spezies, extrem neugierig und vorurteilslos, mit Freude an der Banalität des Alltags, der Lust am Normalen. Im Sommer mutierte ihr Standplatz an die überfüllten Badestrände bei Castiglione, Italia. Die schöne Bemerkung von Cees Nooteboom, wonach «Beobachtung eine Form der Liebe» sei, traf in hohem Mass auch auf sie zu. Diese Gabe kam ihr besonders als Theater-Zeichnerin entgegen. Mit Bleistift und Taschenlampe sass sie in unzähligen Proben im Schauspielhaus Zürich, in der achten Reihe, wie sie präzisierte. Sie erlebte von dort aus eine Hochblüte des Sprechtheaters, Uraufführungen von Dürrenmatt, dem sie sich besonders verwandt fühlte, und labte sich an Charakteren wie der Giehse oder an Leonard Steckel. Das war ihr eigentliches Kunstrevier, nicht die Vernissagen und Lesungen, wo sie selbstverständlich auch brillierte. Tausende von Zeichnungen, in kleinen Teilen auch publiziert, von der «Weltwoche» zum «Tages-Anzeiger», kommentierten und persiflierten auch diese Bühne der heiteren Eitelkeiten und schändlichen Wahrheiten in präzisen, ziemlich schonungslosen Strichen. Ich vermute indessen, dass sie doch ganz gerne als Malerin in den Olymp eingeht. Nach dem unvermeidlichen Zürcher Kunstpreis (1981) und der ebenso unausweichlichen Ausstellung im Kunsthaus, das sie von der Zürcher Enge aus, der Galerie Wolfensberger, einkreiste, nach einem fürstlichen Buch samt einer fulminanten Exegese ihres Werks von Ludmila Vachtova (NZZ-Verlag) sprach sie nämlich mit besonderer Insistenz von ihren monochromen Bildern, ihrem weitgehend verborgen gebliebenen Spätwerk. Das Atelier an der Klosbachstrasse, das von nun an auch mir als Freund des Hauses verschlossen bleibt, beherbergt ihr malerisches Vermächtnis. Am Ende blieb ihr die Bekanntschaft mit der Klinik nicht erspart. Hinter ihrem Singsang, ihrer Teilhabe an den Sorgen des Spitalpersonals und der Weltpolitik oder Lokalkultur, verbarg sich der Wunsch, als Künstlerin ernst genommen zu werden, sich in die Familiensaga einzureihen.

Ihre stadtbekannte Erscheinung, wehendes Foulard und Zigarette, wird Zürich fehlen. Sie war, mit ihrem Lieblingswort gesagt, einfach fabelhaft.

NZZ, Montag, 14. Dezember 2009 | Kunst und Architektur
Mit der freundlichen Genehmigung der Neuen Zürcher Zeitung www.nzz.ch

Dr. Ingrid Ehrensperger-Katz

Im 13. April 2007 verstarb Dr. Ingrid Ehrensperger nach schwerer Krankheit in Biel in ihrem 71. Lebensjahr.

Ingrid Ehrensperger wurde bei der Eröffnung der Ausstellung Clara von Rappard im Juni 1999 im Schloss Jegenstorf von Elsbeth Röthlisberger, Sektion Bern, angesprochen. Sie wusste um das umfassende Fachwissen von Ingrid als Kunsthistorikerin und bat um ihren Rat. Elsbeth Röthlisberger war wie Helen Balmer und Rosmarie Frey-Vosseler von der Sektion Basel, Astrid Keller Fischer, Traute Klinghammer und Annarella Rotter-Schiavetti von der Sektion Zürich und Luigina Inauen und Barbara Bandi von der Sektion Bern treibende Kraft für die Erhaltung der Gesellschaft Schweizerischer Bildender Künstlerinnen GSBK (SGBK wurde die Gesellschaft erst 2002).

Im Herbst 1999 stieg Ingrid als beratende Kunsthistorikerin der Gruppe und später der SGBK ein und erarbeitete die Abteilung Dokumentation. Ihre grosse Museumserfahrung - sie war über 15 Jahre Direktorin /Konservatorin des Neuhaus-Museums in Biel gewesen - nützte der SGBK in hohem Masse. Unermüdlich suchte Ingrid Ehrensperger nach Ausstellungsmöglichkeiten in der ganzen Schweiz - und war erfolgreich mit ihrer besondern Mischung aus Hartnäckigkeit und Charme. Sie jurierte und kuratierte und gab der Schweizerischen Gesellschaft der Künstlerinnen mit ihren aktuellen Blättern zur Kunstgeschichte und mit Artikeln nach aussen ein Gesicht.

Ingrid Ehrensperger wurde eine der Grandes Dames der SGBK. 2002 hielt sie im Stadthaus in Zürich vor grossem Publikum eine witzigkluge Rede zum 100jährigen Netzwerk der Künstlerinnen in der Schweiz, und hatte zu diesem Zeitpunkt bereits 1380 Künstlerinnen der SGBK dokumentiert. Äusserst disziplinierte Klein- und Handarbeit gehörten zu Ingrid Ehrensperger wie ihr weitsichtiges und umfassendes Denken.

Was hat Ingrid in ihren letzten Lebensjahren in ihrer Arbeit für die SGBK angetrieben? Sie las intensiv die Werke der Philosophin und Psychoanalytikerin von Carola Meier-Seethaler. Namentlich Gefühl und Urteilskraft. Ein Plädoyer für die emotionale Vernunft und Jenseits von Gott und Göttin. Sowie: Das Plädoyer für eine spirituelle Ethik. Ingrid Ehrensperger hat in ihren letzten Jahren viel darüber nachgedacht, wie die Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern erreicht werden kann. Sie war tief überzeugt, dass nur die Absage an Geschlechterpolaritäten und andere dualistischen Denkmodelle zu einem ganzheitlichen Menschen- und Weltbild führt.

Bitter war für Ingrid Ehrensperger ab 2005, dass die neue Verbandsleitung der SGBK ihren Umgang mit der Dokumentation der Verbandsakten als gesellschafts- und frauenpolitische Leistung nicht hoch schätzten und nicht mehr auf ihren Rat hören mochte.

Ingrid Ehrensperger hat der SGBK das Gewicht ihres guten Namens und Jahre von Arbeit geschenkt. Ihr gehört ein grosses Dankeschön.

Nicolasina ten Doornkaat | 2007

 

Lissy Funk - Zum Tod unseres langjährigen Mitgliedes, der berühmten Bildstickerin (1909 - 2005)

1937, bei der XIV. Gesellschaftsausstellung in der Kunsthalle und der Schulwarte Bern war die 28 Jahre junge Lissy Funk zum ersten Mal mit ihren Werken vertreten. Der "Bund" berichtet dazu lobend in der damals gängigen altväterlichen Sprache: "Die Begabung figürliche Darstellung, wie sie zu den edelsten Aufgaben der schmückenden Kunst gehört, zeigen auch Lissy Funk-Düssel, Bertha Tappolet und Maria Geroe-Tobler in ihren reich ausgestalteten Teppichen." Lissy Funk wird also im gleichen Satz mit den älteren Grossen der Bildstickerei und -wirkerei erwähnt.

Bis zu ihrem Tode hat Lissy Funk der GSMBK/SGBK die Treue gehalten, fast 70 Jahre lang, und damit ist sie wohl das bisher langjährigste Mitglied unserer Gesellschaft. Gerade als Textilkünstlerin wusste sie, warum es der Künstlerinnen-Vereinigung bedarf, dies besonders am Anfang einer Karriere.

Lissy Funk ist der Erfolg nicht versagt geblieben: sie erhielt Grossaufträge z.B. für das Münster zu Allerheiligen in Schaffhausen und das Zürcher Rathaus; The Art Institute of Chicago zeigte 1988-89 eine Retrospektive, die anschliessend im Deutschen Textilmuseum in Krefeld und im Helmhaus Zürich zu sehen war; zu ihrem 90. Geburtstag erschien eine Monographie, Ausstellungen folgten, die vorläufig letzte diesen Sommer im Aarbergerhus in Ligerz.

Für die Rosen, die ihr Iren Tanner von der Sektion Zürich zum 90. Geburtstag geschickt hatte, bedankte sie sich wie folgt: "Jede für mich wunderbar schön. Wir unterhalten uns am Morgen und am Abend - sonst bin ich im Atelier, und da wäre kein gebührender Platz für ihre Vornehmheit." - Wenige Worte, mit denen sich Lissy Funks Persönlichkeit ausdrückt: bescheiden, in ihre Arbeit verwoben, den Schönheiten des Lebendigen zugewandt, witzig und geistreich.

Ingrid Ehrensperger | Journal 10 | 2005

 

Wir denken an Claire Brunner (1908 - 2003)

I WILL an I CAN - Das war Lebensmotto und Lebensmotiv der Berner Malerin Claire Brunner. Sie hatte nur ein Ziel - Malerin zu werden. Das wolltes sie schon als Kind und nichts konnte sie aufhalten. Aber erst mit über 40 Jahren konnte sie es ganz verwirklichen. Am 27. September 2003, kurz vor ihrem 95. Geburtstag, starb sie.

Bis fast 40jährig musste sie im elterlichen Betrieb mithelfen. Der Vater, ein angesehener Gast- und Landwirt im Seeland, hatte wenig Verständnis für die künstlrischen Ambitionen der Tochter, die ihm bald einmal entfloh. Sie ging nach London an die St. John Wood Art School, und wurde später Schülerin vom bekannten Berner Maler Fred Stauffer.

Früh schon löste sie sich vom Malstil Stauffers: Sie gewinnt ihren ersten grossen Wettbewerb, ein 18 Meter langes Wandbild in der Frauenanstalt in Hindelbank, BE. Damit gelingt ihr der künstlerische Durchbruch. Sie stellt in fast allen Städten der Schweiz und auch im Ausland aus, u.a. in Paris und New York. Sie unternimmt zahlreiche Studienreisen nach Holland, Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und bis nach Nordafrika, die sie unzähligen kleinen und kleinsten Skizzenbüchern festhält. Diese wurden 1978 in der Berne Kunsthalle ausgestellt. Radio- und Fernsehen machten Aufzeichnungen von ihr, und sie stellt bis in ihr hohes Alter fast jedes jahr in der Kunsthalle Bern aus. Sie nahm sich nicht nur im Leben die Freiheit, die sie brauchte, sondern auch in ihrer Kunst. Früh schon verlässt sie die gegenständliche Malerei, um ihre eigene Bidsprache zu finden. Claire Brunner malte ihre Visionen, malte ihre inneren Welten, ihre "Zwischenräume" wie sie sagte. In den 60er- und 70erjahren wird ihr Kunstschaffen oft mit dem Zen Buddhismus in Verbindung gebracht, wohl wegen der meditativen Kraft, die ihren Bildern innewohnt.

In differenzierten Farbklängen erzählen ihre abstrakten Bilder von den Farbschönheiten unserer Erde, von der Musik und den Landschaften, die sie in subtilen, stimmigen Kopositionen festhält. Ihr Metier, ihre Berufung, ihre Leidenschaft galt der Malerei. Nicht im Glanz der internationalen Kunstszene, sondern in stiller Konzentration schuf Claire Brunner ein Werk, das kraftvoll und harmonisch zugleich, innerhalb der Schweizer Moderne bestehen kann: "Ich schöpfe aus der Fülle der Natur und versuche aus Unscheinbarem Wertvolles zu gestalten."

Inga Vatter-Jensen | Journal 5 | 2003 

 

Wir denken an Annemie Fontana (1925-2002)

Unfassbar für alle, die sie kannten und schätzten: Annemie Fontana starb völlig unerwartet, kurz vor ihrem 77. Geburtsgag und drei Tage vor der Erföffnung ihren Winterthurer Ausstellung mit Irene Curiger.

Anlässlich der Abdankung gedachte Astrid Keller Fischer dieser bedeutenden Kollegin, die es geschafft hatte, sich einen Namen als Plastikerin zu machen. Hier einige Auszüge: Sie selbst, so Keller Fischer, habe sich immer auf Fontanas Ausstellungen gefreut: "Ich war neugierig auf ihre neuen Arbeiten, ihre Würfel, Kegel und Kugeln, die sich ineinander schieben, die sich öffnen und Durchblicke freigeben, die so verblüfffend sind, dass man sich fragt "wie macht sie das?"

Faszinierend
Begeistert erwähnte sie jene aus Polyester, perfekt gearbeitet und mit einer Farbgebung, "als ob sich die Farbe von selbst ergibt." auch das grafische Werk kam zur Sprache, mit Siebdrucken von faszinierender Ausstrahlung: "...feine Farben, fast wie hinter einem Neben versteckt, Formen, die sich hinter- und nebeneinander schieben, wie die Formen ihrer Skulpturen, aber flächig und genau so überzeugend." Trotz ihres Erfogles habe sich Fontana an allen "gemeinsamen" Ausstellungen beteiligt, und an der Kunstszene Zürich oder wenn sich unserer Gesellschaft im Kunsthaus vorstellte. Für "Blickfeld Wald" im Naturzentrum Sihlwald, (März bis November 2002) liess Fontana noch mit zwei befreundeten Künstlerinnen eine echte Gemeinschaftsarbeit entstehen, zu der jede solidarisch "ihren" Anteil beitrug. Auch die "Zürcher Künstler Maskenbälle" gehörten zu Fontana, die sie mitorganisierte und wo sie selbst die fantastischsten Kostüme trug.

Eigenständig
Aus Max Bills Geleitwort für Fontanas Buch "Skulpturen und Grafiken" (1979, ABC Verlag, Text Hans Neuburg) wurde zitiert: "Annemie Fontana hat durch ihre eigenständigen Ideen, die zwischen Symbolen ihren Ursprung haben, und durch ihre Wahl und Bewältigung extrem schwer zu behandelnden Werkstoffe, Schritt für Schritt jenen hohen Grad künstlerischer Invention erreicht, mit dem sie die schwer überwindbare Grenze des Kunstbereiches überschritten hat, der keinen Unterschied mehr macht zwischen Werken, die von Männern, und solche, die von Frauen stammen, jene Grenze, über der es nur noch um die Kunst selbst geht, ohne Stileinschränkung und Ideologie."

Gabi Rosenberg | Journal 3 | 2003